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Bernd Wacker

Ein neuer Fall von Kindesentzug

terre des hommes kritisiert Vermittlungspraxis von pro infante


Im Dezember 1999 legte terre des hommes Deutschland e.V. unter dem Titel »Verbrechen und andere Kleinigkeiten« eine Studie zu den unseriösen Vermittlungspraktiken der staatlich anerkannten Adoptionsvermittlungsstelle "pro infante. action: kind in not e. v." vor. Nicht zuletzt aufgrund der in dieser Studie nachgewiesenen Fälle schwerer Irreführung der deutschen Jugendbehörden und Adoptiveltern beschloss die Bundesarbeitsgemeinschaft der Landesjugendämter auf ihrer 88. Arbeitstagung im Mai 2000 in Halle, die Zentrale Adoptionsstelle des Landesjugendamtes Rheinland um die Prüfung der Frage zu bitten, "ob [...] die Voraussetzungen für das Weiterbestehen der Anerkennung des Vereins [pro infante] als Vermittlungsstelle noch gegeben sind". Diese Prüfung ist noch nicht abgeschlossen. Neben den schon dokumentierten Geschichten der Familien Knuth, Küppers, Schneider und Moraitis wird sie auch den Fall der Familie R. aus dem Raum Köln zu berücksichtigen haben, den terre des hommes nachfolgend dokumentiert.

Auf Vermittlung von pro infante erhielt die Familie R. einen Kindervorschlag für ein indisches Kind. Im Februar 1994 reiste die Familie nach Indien, um im Heim der »Missionaries of Charity« (MC, Schwestern der Mutter Teresa) in Delhi ihr zukünftiges Adoptivkind abzuholen. Das zuständige indische Gericht, so glaubten sie damals, hatte sie zu Vormündern des am 26. Januar 1991 in Agra geborenen kleinen Mädchens gemacht. Der Ausreise nach Deutschland und damit der Adoption Milis stand nichts mehr im Wege. Nach Ausweis des Kindervorschlages, den das Paar am Nikolaustag des Vorjahres über pro infante erhalten hatte, war Mili das Kind einer ledigen Mutter, die das Mädchen am 16. Oktober 1992 in Agra freigegeben und den Schwestern der Mutter Teresa zur Adoptionsvermittlung anvertraut hatte. Von dort war Mili am 10. August 1993 nach Delhi gekommen.

Das Ehepaar R. vertraute den Angaben pro infantes und der indischen Schwestern. Vor allem war es von der Seriosität des Vermittlungsverfahrens fest überzeugt. Darum auch nahmen sich die Eheleute R. im Frühjahr 1994 keine Zeit, die Dokumente des indischen Vormundschaftsverfahrens, die ihnen die Schwestern vor der Abreise zum Zweck der Vorlage beim Jugendamt und Vormundschaftsgericht übergeben hatten, selber kritisch in Augenschein zu nehmen. Sonst wohl hätten sie schon damals bemerkt, was ihnen per Zufall erst sechs Jahre später auffallen sollte. Nicht nur in der am 31. Januar 1994 ausgestellten gerichtlichen Bestallungsurkunde (Form of Appointment), sondern auch in den beiden von einer Schwester der Missionaries of Charity im Februar 1994 unterschriebenen eidesstattlichen Versicherungen (Affidavit) war von einer ledigen Mutter nicht mehr die Rede. Vielmehr hiess es nun Milli, eine Waise ("orphan") bzw. ein Findelkind ("born of unknown persons").

»Wo ist Mili aus Rourkela?« Die Widersprüche in den Papieren

Durch diesen eklatanten Widerspruch misstrauisch geworden, wendeten sich die Eltern mit der Bitte um Einsicht in die Gerichtsakten direkt nach Indien. Dabei ging es ihnen vor allem um die Frage, ob Mili tatsächlich, d. h. durch eine von ihrer leiblichen Mutter unterschriebene Erklärung zur Adoption freigegeben worden war, oder ob es auch in ihrem Fall - wie im Fall Knuth (vgl. die oben genannte Studie »Verbrechen und andere Kleinigkeiten«) - zu einem widerrechtlichen Entzug des Kindes durch die Schwestern der Mutter Teresa gekommen war.

Erst in den letzten Januartagen 2001 erhielten die Eheleute R. durch den von ihnen beauftragten indischen Anwalt die angeforderten Dokumente, darunter auch das eigentliche Vormundschaftsurteil (Judgement) des Bezirksgericht in Delhi, dessen Existenz ihnen - obwohl es sich dabei um das zweifellos wichtigste Dokument des gesamten Vormundschaftsverfahrens handelte! - von pro infante und den Schwestern der Mutter Teresa vorenthalten worden war. Dieses dreiseitige Papier, ausgestellt am selben Tag wie die oben erwähnte Bestallungsurkunde (31. Januar 1994), unterschrieben vom selben Richter und abgelegt unter der selben Registraturnummer wie die den Eheleuten R. bereits vorher bekannten Unterlagen, offenbart in bis dato unbekannter Deutlichkeit, in welcher Weise Mili, ihre Adoptiveltern und die beteiligten deutschen Behörden in diesem von pro infante eingeleiteten und begleiteten Adoptionsverfahren betrogen wurden.

Denn nicht von der Mili ist hier die Rede, die die Eheleute R. im Februar 1994 in Delhi abgeholt und am 3. Dezember 1994 in Deutschland rechtskräftig adoptiert hatten, sondern von einem völlig anderen Kind, das mit der Mili der Bestallungsurkunde nur den (Vor-)Namen gemeinsam hat.

Mili R. war am 26. Januar 1991 in Agra (Uttar Pradesh) zur Welt gekommen, wurde dort am 16. Oktober 1992 in die Obhut der Missionaries of Charity gegeben und am 10. August 1993 nach Delhi verbracht.

Als Religionszugehörigkeit verzeichnete der Kindervorschlag "Hindu". Jene Mili jedoch, der der eigentliche Vormundschaftsbeschluss gilt, wurde am 14. Juli 1993 in Rourkela (Orissa) geboren und dort noch am Tag ihrer Geburt den Schwestern der Mutter Teresa zum Zweck der Adoptionsvermittlung übergeben und schliesslich am 28. August 1993 in ein ordenseigenes Heim nach Delhi verlegt. Das Gericht hält ausdrücklich fest, dass es in Indien nicht möglich war, den Wünschen der Mutter nach einer christlichen Erziehung ihrer Tochter zu entsprechen und das Kind darum zur Adoption ins Ausland freigegeben werde.

Wer also ist Mili R. wirklich? Wer hat sie, wann, aus welchen Grund und mit welchen Papieren zur Adoption freigegeben? Wo sind diese Papiere zu finden? Und was ist aus jenem Mädchen aus Rourkela geworden, von dem im Urteil die Rede ist, jenem Kind, das (wie medizinisch unschwer nachweisbar) nicht in Deutschland lebt und doch Mündel der Ehepaars R. sein soll? Wo hält es sich, mit welcher "Identität" ausgestattet, auf? Lebt diese Kind noch, oder war seine Existenz von Anfang an frei erfunden? Und last not least: Wie ist nach den geschilderten neuen Fakten die im Dezember 1994 vollzogene und von der Zentralen Adoptionsstelle des Landesjugendamtes Rheinland befürwortete Adoption Milis durch das Ehepaar R. juristisch zu bewerten?

pro infante wird viele Fragen zu beantworten haben...

Angesichts solcher Fragen wiederholt terre des hommes Deutschland e. V. seine bereits im Dezember 1999 erhobenen Forderungen:

1. Wir fordern die betroffenen Adoptionsstellen der Jugendämter sowie die Zentralen Adoptionsstellen der Landesjugendämter auf, alle erhaltenen pro infante-Akten daraufhin zu überprüfen, ob die beigebrachten indischen Dokumente mit allen anderen Informationen zur Vorgeschichte der vermittelten Kinder, wie sie etwa aus dem jeweiligen Kindervorschlag oder den eigentlichen Vormundschaftsbeschlüssen des indischen Gerichtes zu entnehmen sind, übereinstimmen.

Sollten die erheblichen Zweifel an der Seriosität von pro infante nicht restlos beseitigt werden können, fordert terre des hommes die zuständige Aufsichtsbehörde auf, der Organisation mit sofortiger Wirkung die Anerkennung als Adoptionsvermittlungsstelle zu entziehen.

2. Die Auseinandersetzung mit dem "Fall pro infante" darf sich nicht darin erschöpfen, die unverantwortlichen Praktiken der Vergangenheit aufzudecken und die dafür Verantwortlichen beim Namen zu nennen. Vorausschauend ist es vielmehr geboten, diesen Fall auf seine Konsequenzen für die zukünftige Gestaltung der Adoptionsvermittlungsarbeit in Deutschland zu bedenken. Am 25. Mai 1993 wurde in Den Haag eine von Fachleuten seit langem geforderte "Übereinkunft über den Schutz von Kindern und die Zusammenarbeit auf dem Gebiet der internationalen Adoption" verabschiedet, die auch die Bundesrepublik Deutschland in (hoffentlich) nicht allzu ferner Zukunft ratifizieren wird. Bei der in diesem Zusammenhang notwendigen gesetzlichen Neuregelung des Adoptionsvermittlungsrechtes ist - wie das Beispiel pro infante vor Augen führt - unbedingt dafür Sorge zu tragen, dass die Zulassung neuer Fachstellen in freier Trägerschaft verschärften Kriterien unterliegt. Wenn schon eine eingeführte, weithin als seriös geltende Organisation wie pro infante Kinder in einer Art und Weise zur Adoption vermittelt hat, die nach rechtlichen, moralischen und sozialpädagogisch-fachlichen Massstäben nicht zu verantworten ist - wie mag es dann erst um Gruppierungen stehen, die hinsichtlich ihres (unausgesprochenen) Gründungszwecks, ihrer Mitgliederstruktur und finanziellen Möglichkeiten eher als "Selbsthilfegruppen" unfreiwillig kinderloser Bewerber zu bezeichnen wären? Dass sich solche neuen Gruppen in Zukunft vermehrt um die Zulassung als Vermittlungsstelle bemühen werden, ist abzusehen

3. Die skandalöse Geschichte der Vermittlung des Mädchens Mili durch pro infante führt erneut vor Augen, dass interstaatliche Adoptionen einer kompetenten und nachhaltigen staatlichen Beaufsichtigung auch im Aufnahmeland der Kinder bedürfen. Dass es um diese Aufsicht in der Vergangenheit nicht immer zum Besten bestellt war, dürfte kaum zu bezweifeln sein. Ohne gründliche Umstrukturierung der Organisation und Arbeitsweise der Adoptionsabteilungen der Jugendämter und Landesjugendämter in der Bundesrepublik jedoch ist, so steht angesichts leerer öffentlicher Kassen zu befürchten, diesem Mangel kaum abzuhelfen. Mit anderen Worten: Die Zahl der in Sachen Auslandsvermittlung tätigen Adoptionsvermittlungsstellen bei den örtlichen Jugendämtern sollte drastisch verringert und die so frei werdenden Mittel zur Stärkung der fachlichen Arbeit der verbleibenden Stellen genutzt werden. Die bevorstehende Umsetzung der Haager Konvention in bundesdeutsches Recht bietet die Chance, über die hier anstehenden Fragen und Probleme ernsthaft nachzudenken.

Quelle: http://www.oneworldweb.de/tdh/presse/infante_mili.html, 2.7.2003


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